Warum "neutraler" Journalismus autoritär wäre
Und warum die AfD "Neutralität" fordert
Ob ein Journalist möglichst objektiv arbeitet, bewusst Stellung bezieht oder literarisch bis aktivistisch im Stil des New Journalism schreibt - neutral ist er in keinem Fall. Es gibt stattdessen einen Möglichkeitsraum für verschiedene Ausdrucksformen. Will man beispielsweise ausgewogener berichten, würde eine vielfältig zusammengesetzte Redaktion diesem Ziel wahrscheinlich deutlich näher kommen als ein neutraler Gott. Die Unabhängigkeit lässt sich durch Redaktionsstatute erhöhen, die wirtschaftliche und politische Einflussnahme begrenzen sollen. Meinungsfreiheit bedeutet auch: Sogar parteiische Redaktionen können ehrlich sein, wenn sie transparent mit ihrer Parteilichkeit umgehen.
Es ist nicht nur meine private Meinung: Die NBCU-Schulungskurse lehnen Neutralität als Prinzip im Journalismus ab. Sie arbeiten mit Vielfalt, Redaktionsstatute und Reportern, die Teil einer bestimmten Community sein durften. Jay Rosens Konzept "The View From Nowhere"¹ beschreibt, wie die Pose der Standpunktlosigkeit Journalisten dazu verleitet, mit ihrer eigenen Perspektive intransparent umzugehen. Auch Forschung wie "Neutrality and values in journalism" von David Muschenich² greift diese Kritik auf, beleuchtet aber nicht die politische Tendenz und das gesetzgeberische Gebaren der Neutralitätsbefürworter.
Aber während der amerikanische Journalismus das Ideal objektiver Methoden in eine produktive Spannung setzt, gibt es in Deutschland eine sakrosankte Diskussion rund um den Begriff der Neutralität. Das liegt vielleicht daran, dass es weniger Experimente mit der journalistischen Form als in den USA gegeben hat. In den 70ern sprengten andersartige Journalisten das Feld mit ihren Experimenten auf - wovon es in Deutschland nur einen zahmen Nachhall gab. Statt Fantasie und Literarizität waren deutsche Journalisten höchstens bereit, ein Stück Videojournalismus in der Ich-Form zu vertonen oder in aufgesetzter Weise mit ihren Protagonisten zu leben. Die problematischen Aspekte des New-Journalism, die er mit fast jeder journalistischen Ausdrucksweise teilt, wurden so eher noch verstärkt.
Jeder, für den ein neues Buch einmal eine andere Welt bedeutet hat, kann die erkenntnistheoretische Widerlegung des "View From Nowhere" nachvollziehen. Wer dennoch von Journalisten Neutralität erwartet, behandelt sie wie Autoritäten, die festlegen können, was wahr ist. Das unterschätzt die Grenzen individueller Erkenntnis. Der Respekt vor dem Nichtwissen geht so verloren und der Status Quo wird zum geschlossenen Paradigma. Doch Paradigmen können mit der nächsten gelesenen Buchseite aufgebrochen werden, weil Kultur sich nicht wie Mathematik verhält.
Notwendigerweise sind Journalisten also subjektiv, denn sie leben als kulturschaffende Menschen in einem Paradigma. Wer trotzdem behauptet "neutral" oder "objektiv" zu sein, erhebt sich über diese Beschränkung, ohne nachvollziehbare Methoden anzuwenden. Diese Selbsterhebung ist der autoritäre Akt, die Beanspruchung einer unmöglichen Position. Während der Wunsch nach einem möglichst objektiven Vorgehen eine Menge Gedanken und Hirnschmalz in der tatsächlichen Umsetzung erfordert und sich nicht normativ überall ausdehnen lässt, ist das Potential des Wortes 'neutral' im Journalismus automatisch brandgefährlich. Das liegt an der ethischen und politischen Dimension des Wortes, seiner besonderen Unmöglichkeit und seinem Bedarf an einer Definitionsmacht.
"Neutralität" und Machtergreifung
Es ist absolut kein Wunder, dass man den Wunsch, dass "neutral" berichtet wird, im rechten, autoritären Lager besonders laut hören kann. Wie man in meinem Video vom thüringischen AfD-Generalsekretär Haseloff später in seiner Rede bei einer Wahlkampfveranstaltung in Gotha erfährt, bestehen seitens der Partei Pläne einen eigenen Rundfunk "aufzustellen", der den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschafft und in dem freie Meinungsäußerungen im journalistischen Programm unerwünscht sind. Ein landesweiter Rundfunk, der von einer Partei aufgestellt wird und in dem meinungsbasierter Journalismus untersagt ist - das ist die Definition eines gleichgeschalteten Staatsfunks. Er soll dann wohl "neutral" sein.
Quellenangaben:
¹ Rosen, Jay: "The View From Nowhere: Questions and Answers", PressThink, 10. November 2010. https://pressthink.org/2010/11/the-view-from-nowhere-questions-and-answers/
² Muschenich, David: "Neutrality and values in journalism. A theoretical concept for journalism studies, borrowed from value sociology", Journalistik, Vol. 5 (2), 2022, S. 95-113. https://journalistik.online/en/paper-en/neutrality-and-values-in-journalism/ (Volltext, Open Access)
Meine Medien:
Eigene Aufnahme. Video dokumentiert eine Wahlkampfveranstaltung der Alternative für Deutschland (AfD) am 10. August 2024 in Gotha, Thüringen, im Vorfeld der Landtagswahl in Thüringen am 1. September 2024.
Anmerkungen:
Man könnte zwei Gegenargumente anführen: Erstens, dass ich hier ein Strohmann-Argument aufbaue – also eine Position angreife, die so niemand vertritt. Zweitens, dass die bloße Vereinnahmung eines Begriffs durch Rechte den Begriff an sich nicht beschädigt.
Zum Strohmann-Vorwurf: Mir ist häufig begegnet, dass auch Linksliberale „Neutralität" vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk einfordern. Zum Beispiel wenn sie sich darüber beschweren, dass Markus Lanz in einem Interview nicht neutral gewesen sei. Auch wurde der Maßstab der „Neutralität" am Rande von Gehaltsverhandlungen an mich persönlich angelegt. Hier liegt also – zumindest aus meiner Erfahrung, aus der ich ja schreibe – kein Strohmann-Argument vor.
Zum zweiten Einwand: Ja, die Vereinnahmung durch Rechte beschädigt einen Begriff nicht automatisch. Die AfD fordert auf Plakaten schließlich auch „Meinungsfreiheit", und in diesem Text argumentiere ich selbst für Meinungsfreiheit. Mein Punkt ist ein anderer: Die Vereinnahmung von „Neutralität" durch die AfD ist kein Zufall und kein Missbrauch eines an sich guten Begriffs. Sie ist die logische Eskalationsstufe eines Konzepts, das durch seine Intransparenz dazu einlädt, oppositionelle Perspektiven als „nicht neutral" zu delegitimieren.