Notizen
Warum "neutraler" Journalismus autoritär wäre Zur Nekropolitik

Warum "neutraler" Journalismus autoritär wäre

Und warum die AfD "Neutralität" fordert

Ob ein Journalist möglichst objektiv arbeitet, bewusst Stellung bezieht oder literarisch bis aktivistisch im Stil des New Journalism schreibt - neutral ist er in keinem Fall. Es gibt stattdessen einen Möglichkeitsraum für verschiedene Ausdrucksformen. Will man beispielsweise ausgewogener berichten, würde eine vielfältig zusammengesetzte Redaktion diesem Ziel wahrscheinlich deutlich näher kommen als ein neutraler Gott. Die Unabhängigkeit lässt sich durch Redaktionsstatute erhöhen, die wirtschaftliche und politische Einflussnahme begrenzen sollen. Meinungsfreiheit bedeutet auch: Sogar parteiische Redaktionen können ehrlich sein, wenn sie transparent mit ihrer Parteilichkeit umgehen.

Es ist nicht nur meine private Meinung: Die NBCU-Schulungskurse lehnen Neutralität als Prinzip im Journalismus ab. Sie arbeiten mit Vielfalt, Redaktionsstatute und Reportern, die Teil einer bestimmten Community sein durften. Jay Rosens Konzept "The View From Nowhere"¹ beschreibt, wie die Pose der Standpunktlosigkeit Journalisten dazu verleitet, mit ihrer eigenen Perspektive intransparent umzugehen. Auch Forschung wie "Neutrality and values in journalism" von David Muschenich² greift diese Kritik auf, beleuchtet aber nicht die politische Dimension und das gesetzgeberische Gebaren der Neutralitätsbefürworter.

Jeder, für den ein neues Buch einmal eine andere Welt bedeutet hat, kann die erkenntnistheoretische Widerlegung des "View From Nowhere" nachvollziehen. Wer dennoch von Journalisten Neutralität erwartet, behandelt sie wie Autoritäten, die festlegen können, was wahr ist. Das unterschätzt die Grenzen individueller Erkenntnis. Der Respekt vor dem Nichtwissen geht so verloren und der Status Quo wird zum geschlossenen Paradigma. Doch Paradigmen können mit der nächsten gelesenen Buchseite aufgebrochen werden, weil Kultur sich nicht wie Mathematik verhält.

Notwendigerweise sind Journalisten also subjektiv, denn sie leben als kulturschaffende Menschen in einem Paradigma. Wer trotzdem behauptet "neutral" oder "objektiv" zu sein, erhebt sich über diese Beschränkung, ohne nachvollziehbare Methoden anzuwenden. Diese Selbsterhebung ist der autoritäre Akt, die Beanspruchung einer unmöglichen Position. Während der Wunsch nach einem möglichst objektiven Vorgehen eine Menge Gedanken und Hirnschmalz in der tatsächlichen Umsetzung erfordert und sich nicht normativ überall ausdehnen lässt, ist das Potential des Wortes 'neutral' im Journalismus automatisch brandgefährlich. Das liegt an der ethischen und politischen Dimension des Wortes, seiner besonderen Unmöglichkeit und seinem Bedarf an einer Definitionsmacht.

Es ist absolut kein Wunder, dass man den Wunsch, dass "neutral" berichtet wird, im rechten, autoritären Lager besonders laut hören kann. Wie man in meinem Video vom thüringischen AfD-Generalsekretär Haseloff später in seiner Rede bei einer Wahlkampfveranstaltung in Gotha erfährt, bestehen seitens der Partei Pläne einen eigenen Rundfunk "aufzustellen", der den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschafft und in dem freie Meinungsäußerungen im journalistischen Programm unerwünscht sind. Ein landesweiter Rundfunk, der von einer Partei aufgestellt wird und in dem meinungsbasierter Journalismus untersagt ist - das ist die Definition eines gleichgeschalteten Staatsfunks. Er soll dann wohl "neutral" sein.


Quellenangaben:

¹ Rosen, Jay: "The View From Nowhere: Questions and Answers", PressThink, 10. November 2010. https://pressthink.org/2010/11/the-view-from-nowhere-questions-and-answers/
² Muschenich, David: "Neutrality and values in journalism. A theoretical concept for journalism studies, borrowed from value sociology", Journalistik, Vol. 5 (2), 2022, S. 95-113. https://journalistik.online/en/paper-en/neutrality-and-values-in-journalism/ (Volltext, Open Access)

Meine Medien:

Eigene Aufnahme. Video dokumentiert eine Wahlkampfveranstaltung der Alternative für Deutschland (AfD) am 10. August 2024 in Gotha, Thüringen, im Vorfeld der Landtagswahl in Thüringen am 1. September 2024.

Zusätzliches:

Deutscher Bundestag (2019): Politische Ausgewogenheit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk erörtert. Aktuelle Stunde vom 7. November 2019. Online verfügbar unter: https://www.bundestag.de/webarchiv/textarchiv/2019/kw45-de-aktuelle-stunde-neutralitaetsgebot-666558 (Letzter Zugriff: 03.02.2026)

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