Ungleichheit wurde seit der Sesshaftwerdung fast immer durch Gewalt und Katastrophen nivelliert, etwa durch Pest, Krieg oder Revolution. Die !Kung San in der Kalahari gingen einen anderen Weg: Sie verhindern die Entstehung von Ungleichheit seit Jahrtausenden durch soziale Technologie. Ob auch westliche Demokratien die Herrschaft der Eliten ohne gewaltsame Schocks beschneiden können, ist die drängende Frage unserer Zeit.
Von Marius Michusch
Die Geschichte der Ökonomie kapitalistischer Völker lässt sich in einer einfachen Erzählung hinter den eigentlichen Geschichtsbüchern ausmachen. Der Ballon der Kapitalkonzentration wird größer und größer, Eliten übernehmen die Macht und häufen Reichtum an. Am Ende knallt's. In Europa stehen wir womöglich vor einem weiteren Zyklus dieser zerstörerischen Folge aus Wohlstand, Herrschaft, Armut und Gewalt. Doch der Teufelskreis ist kein Naturgesetz und nicht älter als ein paar Generationen – und damit womöglich zu stoppen.
Ungleichheit zu senken gehört zu den schwierigsten politischen Vorhaben überhaupt. Eliten müssten dazu gebracht werden, Reichtum und Einfluss abzugeben. Das tun sie selten freiwillig. Die größten Gleichmacher der Geschichte waren keine Bundestagsredner, sondern der Pestfloh, der französische Revolutionär oder die allierte Bomberflotte. In Friedenszeiten sind Reiche fast immer auch politisch und propagandistisch erfolgreich, selbst innerhalb demokratischer Regime. In Deutschland setzen Vermögende ihre politischen Ziele spielend leicht durch. Ihnen stehen dazu Family Offices, Thinktanks und Stiftungen zur Durchsetzung ihrer Interessen zur Verfügung. Nicht selten bestimmen sie die Grammatik mit, in der überhaupt gedacht und gesprochen wird. Reiche sitzen am Tisch, an dem entschieden wird, während Geringverdiener draußen bleiben und das Essen nur vom Hörensagen kennen.
Vom Sammler zum Untertan
Vor dem Horizont der 300.000 Jahre alten Geschichte des modernen Menschen ist die Chronik moderner Ungleichheit kürzer, als man denken könnte. Wie der Anthropologe James Suzman beschreibt, leben wir fern eines Garten Eden. Die auch von seinem Kollegen Richard Borchay Lee in dem mitreißenden Forschungsbericht Man, Woman, Work in A Foraging Society beobachteten !Kung San verbrachten pro Tag gerade einmal knapp drei Stunden mit dem Jagen oder Sammeln. Die !Kung San kennen kaum Herrschaft und haben über die Jahrtausende überlegene Sozialtechnologien entwickelt. Diese sorgen dafür, dass angehende Alleinherrscher vorzugsweise alleine herrschen, in der Weite der Wüste Nambias und Botswanas, statt sich als Möchtegern-Führer oder Mitglied raffgieriger Eliten aufzuspielen. !Kung San kennen persönliches Eigentum, aber kein Privateigentum an Produktionsmitteln. Sie sind radikal antimeritokratisch. Wer viel leistet, erhält weniger statt immer mehr Anerkennung. Sie sind zwar formelle Schirmherren ihrer Territorien, diese werden allerdings in Dürrephasen nicht gegen andere !Kung San verteidigt, sondern paradoxerweise zu Orten der Gastfreundschaft erklärt. Über ein Abstammungssystem, das auf Namen, nicht auf Blut basiert, bauen sie intime Kontakte mit für uns Fremden auf. Letzteres ist eine erstaunlich elegante Technologie, denn durch einen kulturellen Trick wird jeder potenziell mit jedem verbunden. Die San nivellieren sich selbst, nicht immer gewaltfrei, aber ohne Katastrophen, ohne Kriege, ohne Revolutionen, ohne Pandemien, einfach dadurch, dass ihre sozialen Techniken Elitenbildung verhindern. Die Grundlage solcher Techniken bildete sich schon vor hunderttausenden von Jahren in der Gattung Homo, denn unsere Menschenaffen-Vorfahren lebten in strengen Dominanzhierarchien. Irgendwann im Verlauf der letzten ein bis zwei Millionen Jahre drehten Frühmenschen die Hierarchien um. Eine Koalition der Vielen hielt Diktatoren gemeinsam in Schach. Sie vererbten den späteren Menschen eine Fähigkeit, die Forscher als Wechselspiel aus Genen und Kultur verstehen. Anders als viele andere Tiere können sich Menschen in Gruppen organisieren, ohne sich einem Herrscher, einem Familienoberhaupt, einem König oder einer Elite zu unterwerfen. Sie sind in der Lage, weitgehend frei zu leben.
Die moderne Ungleichheitsforschung lässt sich in zwei erkennbare Untersuchungszeiträume einteilen. Die erste ist die lange vorindustrielle Phase seit der Sesshaftwerdung vor rund 10 000 Jahren – von den ersten neolithischen Dörfern über die frühen Hochkulturen bis zu den Agrarreichen der Frühen Neuzeit. Möglich wurde ihre quantitative Erschließung durch die archäologische Anwendung des Gini-Koeffizienten auf Proxies wie Haus- und Grundstücksgrößen oder Grabbeigaben, ergänzt um Steuer- und Zensusdaten, sobald Schrift verfügbar wurde. Die zweite Epoche ist die des industriellen Kapitalismus und später des modernen Nationalstaats. Sie ist gerade einmal 250 Jahre alt.
In der vorindustriellen Epoche geschahen Nivellierungen, also Tilgungen von Ungleichheit, fast immer durch Plagen oder durch den Zusammenbruch von Staaten und Großreichen. Mit der Industrialisierung in England und der Ausbreitung des Nationalstaats verschob sich dieses Muster und die Geschichte beschleunigte sich. Eliten werden seither während Schocks rasend schnell entmachtet, und die Ursachen der Schocks haben sich verändert. Kennzeichnend für die kapitalistische Epoche sind bisher gigantische Kriege mit einer beispiellosen Massenmobilisierung und blutige Revolutionen. Besonders gründlich nivellierten Japan und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Vermögen wurden vernichtet, und die Mobilisierung großer Bevölkerungsteile in den Krieg zwang den Staat in eine Position erhöhter Bringschuld gegenüber seinen Bürgern. Das so entstandene enge und vergleichsweise faire Verhältnis zwischen Staat und Bürgern hielt noch viele Jahre in die Nachkriegszeit hinein an. Der Historiker Walter Scheidel führt selbst die sozialen Mechanismen des Nachkriegskonsens vor allem auf die Weltkriegsmobilisierungen zurück, weniger auf das Konto der Gewerkschaften.
Der Effekt des Kapitalismus
In beiden Epochen wuchsen Ungleichheit und Elitenherrschaft nach einem nivellierenden Schock erneut an. Das wirft die Frage auf, ob Ungerechtigkeit und Herrschaft auch schon vor dem Kapitalismus in vergleichbarem Umfang ausgeprägt waren. Ist der Kapitalismus möglicherweise nur eine Fortführung der Marktwirtschaft mit anderen Mitteln? Jared Diamon argumentiert in seinem Aufsatz The Worst Mistake in the History of the Human Race, schon die landwirtschaftliche Revolution sei der größte Betrug in der Geschichte der Menschheit gewesen. James Suzman stellt in seinem lesenswerten Buch Affluence without Abundance fest: „Die Landwirtschaft war wesentlich produktiver als Jagen und Sammeln und ermöglichte ein rasches Bevölkerungswachstum. Sie führte auch zu gelegentlichen Überschüssen, und mit diesen Überschüssen entstanden Hierarchien und Tributsysteme. Hierarchien und Tributsysteme wiederum nährten den Drang, mehr Ressourcen zu sammeln, zu expandieren und zu erobern.“ Befunde wie jene aus Dickson Mounds stützen zunächst derartige Thesen. Dort wurden über 800 indigene Skelette aus einem Zeitraum von etwa 950 bis 1300 n. Chr. ausgegraben. Genau in diesem Zeitfenster vollzog die dortige Bevölkerung den Übergang von einer jagend-sammelnden Lebensweise, die 96% der Geschichte von Homo Sapiens prägt, zu intensivem Maisanbau. Der Vergleich der Skelette vor und nach diesem Übergang zeigt gemäß der Forschung von Goodman, Lallo und Armelagos eine deutliche Zunahme von Zahnschmelzdefekten, Eisenmangelanämie, Knochenläsionen und degenerativen Wirbelsäulenerkrankungen bei der Agrarbevölkerung. Gleichzeitig wuchs die Bevölkerungsdichte, und es entstanden sichtbare soziale Schichtungen. Einige Gräber waren erheblich aufwendiger ausgestattet als andere. Diese und andere Funde legen nah: Herrschaft und brutale Ausbeutung existierten bereits vor dem Kapitalismus. Ist der Kapitalismus als Ursache für Ungleichheit also vor allem ein Fiebertraum marxistischer Ideologen?
Nicht ganz. Der Unterschied zwischen kapitalistischen und landwirtschaftlich nichtkapitalistischen Gesellschaften liegt vor allem im Tempo der Ausbeutung. Im 5. Jahrhundert zerfiel das weströmische Reich, vom 6. bis 8. Jahrhundert breitete sich die Pest aus. Die Folge war ein niedriger Gini-Koeffizient. Eine vergleichbare Vermögenskonzentration wie zur römischen Kaiserzeit wurde in Europa jahrhundertelang nicht mehr erreicht. Erst zwischen 1000 und 1300 n. Chr. trat Europa in eine neue Phase des Wirtschaftswachstums ein. Dieses Wachstum diente nicht gerade als Stütze sozialer Gerechtigkeit, denn gegen Mitte des 14. Jahrhunderts hatte sich Europa wieder auf das ungleiche Niveau des römischen Reichs zurückbewegt. Eine solche Entwicklung hoher Ungleichheit dauerte allerdings Jahrhunderte, nicht Jahrzehnte.
Verbrannte Erde
In kapitalistischen Gesellschaften verbrauchte sich die Schockdividende regelmäßig innerhalb weniger Jahrzehnte. Die Bevölkerung hatte davon in den fast schon sozialistischen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg profitiert. Ab den 50er-Jahren brummte die Wirtschaft und viele Arbeiter wähnten sich auf der Gewinnerstraße. Sie fuhren an den Gardasee, legten Freizeitgärten an und kauften Eigenheime und deutsche Autos. Im Jahr 1989 erklärte Francis Fukuyama die Geschichte für beendet. Doch die Eliten mussten nur etwas Geduld haben. Von den deutschen Jahrgängen 1962–66 verdienten 81 Prozent inflationsbereinigt mehr als ihre Eltern. Von den Jahrgängen 1984–88 nur noch 59 Prozent.
Mit dem Wohlstand ging das Wissen über die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus fast vollständig verloren. Als in den 70er-Jahren Stagflation und Ölkrise die Wirtschaft ins Stocken brachten, fanden die Theorien Friedrich Hayeks und Milton Friedmans breites Gehör. Sie versprachen einen Ausweg über weniger Staat, freiere Märkte und niedrigere Steuern auf Kapital, was dem Versuch gleicht, sich mit dem Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.
Die politische Klasse, die in Deutschland ab den 90er-Jahren an die Macht kam, hatte die Soziale Marktwirtschaft als Geschenk vorgefunden, statt sie selbst erkämpft zu haben oder ihre katastrophische Herkunft zu verstehen. Weimar, Hyperinflation und das prozyklische Sparen waren für sie im besten Fall auswendig gelernter Schulstoff. Genau diese Generation schaffte 1997 die Erhebung der Vermögensteuer ab, verabschiedete die Agenda 2010 und die Hartz-Reformen, privatisierte Post, Telekom und Bahn. Bündnis 90 die Grünen, eine aufstrebende, vermeintlich linke Partei, kam zwar aus systemkritischer Tradition, verlagerte ihre Kritik aber von der Ökonomie auf Ökologie, Identität und Bürgerrechte. Sie wurde blind vor der historischen Realität. Das zeigte noch 2024 Renate Künast, die dem zurückgetretenen Bundesvorstand der Grünen Jugend vorwarf, einen „Klassensystem-Sozialismus" aufbauen zu wollen und nicht realitätstauglich zu sein. Das Vokabular, mit dem sich die Gefahr der Vermögenskonzentration überhaupt benennen ließ, war zwischen Godesberg und 1989 verloren gegangen. Der Neoliberalismus sorgte deshalb für verbrannte Erde, weil er das Wissen über die Gefahren der Ausbeutung an sich auslöschte.
80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg liegt der Gini-Vermögenskoeffizient in Deutschland bei 0,82. Ein Koeffizient von 1 wäre das Maximum und würde bedeuten, dass einer Person alles gehört und allen anderen nichts. Hinter diesem Feldzug gegen die Mehrheit der Bevölkerung steht die Formel r > g. Das Einkommen aus Kapital war historisch fast immer größer als das aus Arbeit. Wer schon besitzt, erzielt weitere Kapitalgewinne. Aktien, Anleihen und Derivate sind extrem mobil und lassen sich beliebig skalieren. Eliten brauchen im Kapitalismus nur einen kleinen Vorsprung oder müssen sich diesen erkämpfen. Dann müssen sie theoretisch nur warten. Der Kapitalismus funktioniert weniger leistungsgerecht als vielmehr nach einem Gesetz der Gravitation. Wer einen Anschub bekommt, kommt weiter. Diese Gravitation dehnt sich sogar auf das Wirtschaftswachstum aus. Auch Wachstum wirkt kaum egalisierend, denn organisierte Eliten nutzen jeden Wachstumsschub, um ihre ökonomische Macht abzusichern.
Auch das Konzept des Rechtsstaats ist nicht automatisch eine große Hilfe. Es kann persönliches Eigentum, soziale Rechte und Eigenheime genau wie Stiftungseigentum und Produktionsmittel schützen. Das US-Rechtssystem hat über die letzten vierzig Jahre Eigentumsrechte an Finanzvermögen und Unternehmensanteilen deutlich stärker ausgebaut als Arbeits-, Wohn- oder Sozialrechte. Das führt in die totale Ungleichheit. Agrargesellschaften erreichten wegen ihrer niedrigen Überschüsse nur einen begrenzten Höchststand an Ungleichheit. Von da an stagnierte die Ungleichheit auf hohem Niveau, bis eine Katastrophe sie reduzierte. Kapitalistische Imperien hingegen haben keine bekannte natürliche Obergrenze. Ihre Produktivität wächst, ihre Überschüsse wachsen, und wenn die Höchstsätze der Vermögens-und Einkommenssteuern nicht dramatisch sind, wie im Japan der Nachkriegsjahre, wachsen die Vermögensunterschiede einfach weiter.
Im Jahr 1914, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, endete die Phase höchster Vermögenskonzentration, die Europa je erlebt hatte. In England besaß das reichste Dezil 92 Prozent der Gesamtvermögen. Paradoxerweise ist das ein Zustand, in dem die Marktwirtschaft selbst im Sumpf der Armut unterzugehen droht. Langfristig ist Armut schlecht für die heimische Wirtschaft. Sie schwächt Binnenkonsum, soziale Stabilität und Humankapital. Ohne Export, Imperialismus oder die Eroberung der Natur, des Körpers oder der Ausdehnung des Kapitalismus auf eine andere Sphäre geht nichts mehr.
Doch die Verelendung hat auch Grenzen. Eliten, die auf menschliche Arbeit angewiesen sind, müssen ihren Untertanen in der Regel ein Existenzminimum anbieten. Nach ihrer ausbeuterischen Logik sind schwindender Zahnschmelz wie in Dickson Mounds oder sogar kleinere Skelette und Versklavung bis zu einem gewissen Grad tolerierbar. Tote Bauern bringen allerdings keine Ernte ein. Wenn die Untertanen nicht mehr in der Lage oder schlicht nicht mehr willens waren, ihre Arbeit zu erledigen, tauchte wie von Geisterhand ein Mindestmaß an Verpflegung oder Gesundheitsleistungen auf, das das Abschöpfen von Überschüssen durch die Mächtigen weiterhin sicherstellte. Heute kann man beobachten, wie sich das Existenzminimum in Amerika wieder jenem vormoderner Gesellschaften annähert. Die Gesundheitsversorgung ist schlecht, die Kindersterblichkeit steigt, Obdachlosigkeit und kreatives Wohnen werden zum akuten Problem. Die Zahl der „working poor", also jener, die sich arm arbeiten, nimmt zu. Dieses elende Existenzminimum zeigt, welches epische Problem die Automatisierung von Arbeit eines Tages erzeugen könnte, die amerikanische Eliten planen. Bis heute ist eher zweifelhaft, ob sie menschliche Arbeit in großem Umfang ersetzen wird. Aber darauf kommt es nicht an: Jeder Produktivitäts- und Wachstumsschub macht Techno-Feudalisten mächtiger.
Die Notwendigkeit von Sozialtechnologien
Die Geschichte der Sesshaftigkeit kennt unzählige Phasen von Nivellierung und Elitenbildung und liest sich in gewisser Weise wie eine einzige katastrophale Chronik derselben. Man kann aber anzweifeln, ob das Band der Freiheit seit der Sesshaftwerdung für den Menschen für immer durchtrennt ist. Allein das Vorhandensein aggressiver Nivellierungstechniken, die das ganze soziale Leben der !Kung San durchziehen, ist dabei ein wichtiges Beweisstück. Würden die !Kung San ein historischer Sonderfall sein, der sich in keinster Weise auf moderne Gesellschaften übertragen lässt, wären die Geniestreiche ihrer Sozialtechnologie allesamt sinnlos. Wäre ihre Gruppengröße auf kleine Gesellschaften begrenzt, bräuchten sie die Sozialtechnologie der Namensverwandschaft, die Kooperation über kleine Gruppen hinweg ermöglicht, nicht. Und würde die Gefahr, dass Einzelne Reichtum akkumulieren bei Jägern und Sammlern grundsätzlich nicht bestehen, hätten sie keine Kultur des Spottes und des Teilens etablieren müssen. Die !Kung San sind aber weniger eine Blaupause und mehr Teil einer stichhaltigen Beweisführung, die die Möglichkeit der dauerhaften Freiheit des Menschen vor Ausbeutung belegt. Das lässt vermuten, dass moderne Gesellschaften nicht nur den Willen, sondern auch Sozialtechnologien benötigen, die sich einem kreativeren und mächtigeren kulturellen Mosaik an Werkzeugen bedienen.
Dank des üppigen Nachkriegskonsens mussten sich Generationen von Westlern kaum mit dem Problem der Ungleichheit beschäftigen. Ansteigende Einkommens- und Vermögenskoeffiziente zeigen inzwischen, wie rasant die Reichtumskonzentration voranschreitet. Wird dieses Mal alles anders? Gelingt es, in den Demokratien die Hydrologie des Geldes und damit die Herrschaft der Eliten ohne blutige Schocks zu vereiteln? Es wäre ein Megaprojekt und einzigartig in der modernen Geschichte seit dem Entstehen des Kapitalismus. Um uns von Elitenherrschaft und ungleicher Verteilung dauerhaft zu lösen, müssen wir unser großes Innovationspotenzial abrufen. Doch dieses Potential fließt bisher in die Eroberung immer neuer kapitalistischer Sphären. Theoretisch könnte aber auch der Mensch des Technologiezeitalters die Hierarchie seiner Organisationen auf den Kopf stellen. Es wäre eine ähnliche Ingenieurleistung wie sie einst die Vorfahren heutiger !Kung San hervorbrachten.
Im nächsten Kapitel "Das Vermächtnis der großen Technologen" werde ich die Geschichte des Anthropologen Richard Borchay Lee erzählen, der die teleologische Erzählung unserer Zivilisation ins Wanken brachte. Ich greife außerdem die Frage auf, bis zu welchem Grad die Konzepte der !Kung San für andere Gesellschaften fruchtbar gemacht werden können und ob die !Kung San lediglich aufgrund ihrer 'Nische' eine derart dichte und herrschaftskritische Kultur bildeten. In "Aktivität der Eliten" werde ich einen Blick darauf werfen, wie sich Eliten seit dem zweiten Weltkrieg ausdehnen. In "Sozialtechnologie und Demokratie" werde ich untersuchen, ob die Konzepte von Sozialtechnologien komplementär oder gegensätzlich zur modernen Demokratie stehen. In "Frieden oder Ausbeutung" werde ich diskutieren, ob Frieden und Kapitalismus grundsätzlich miteinander vereinbar sind. Diese Kapitel fasse ich in einer technologiepolitischen Streitschrift zusammen.
Literatur:
Nach dem Krieg sind alle gleich
Walter Scheidel
Das Kapital im 21. Jahrhundert
Thomas Piketty
Affluence Without Abundance - What we can learn from the world's most successful civilisation
James Suzman
The !Kung San - Man, Woman, Work In A Foraging Society
Richard Borchay Lee