日常消滅
kinoue64
Im Jahr 2018 entstanden Vlogging-Formate auf Youtube, die Dorfbewohner und prekäre Arbeiter in Großstädten an den Bildschirmen gleichermaßen trösteten. Auf dem Land lebende Teenager trösteten sie, weil das Stadtleben nicht nur ein buntes Eldorado zu sein schien und die präkarisierten Büroarbeiter schienen sich selbst mit dem Dreh der Videos zu trösten, um ihre Schmerzensschreie der Einsamkeit mit Fremden im Netz zu teilen. Der Channel Paolo fromTOKYO etablierte das Format "A Day in the Life of a Japanese Salaryman", in dem Paolo, eigentlich ein Youtuber mit philippinischen Wurzeln, durch das namensgebende Video als Reporter manövrierte. Er sorgte gerade damit für Authentizität, dass er selbst, neben einem jungen japanischen Salesman vor der Kamera auftrat. Spätere Youtuber inszenierten ohne vor der Kamera zu sprechen, oft kommentarlos, nur unterstützt durch Untertitel. Sie zeigten, wie sie zur Arbeit pendelten, über Nacht in einem Stundenhotel schliefen und sich von den Kochkünsten der Snackautomaten verwöhnen ließen. Diese Videos voller offen präsentierter – oder vielfach inszenierter – Erschöpfung werden oft als misery porn bezeichnet und haben KI-Thumbnails mit Beschriftungen wie "Late Stage Capitalism". Als die Sache weiter Fahrt aufnahm, enttarnte ein Youtuber mehrere der Videos als offensichtliche Fakes, die wahrscheinlich von sehr jungen Japanern stammen, die keine Salesmänner sind. Über sechs Millionen Aufrufe bekam ein Video des Kanals Salaryman Tokyo, einem angeblichen oder tatsächlichen Office-Arbeiter mit billigen Businessschuhen, die sich zeitsparend mit einem Reißverschluss öffnen und schließen lassen. Es herrscht eine eher drückende Atmosphäre: In der U-Bahn Tokyos wird traditionell geschwiegen, Gespräche sind in den Videos völlig abwesend. Einen geeigneten Soundtrack-Kandidaten für diese Vlogs – oder auch für tatsächliche Burnout-Arbeiter – liefert Nichijou Shōmetsu mit seinem Album 日常消滅 ("Daily Life Vanishes") unter dem Projeknamen kinoue64. kinoue64 ist eine moderne One-Man-Band, spielt selbst Gitarre, baut sounds nah am Noise-Rock, hinter dessen zugedeckten Gittarenvorhängen sich Tracks mit Namen wie "Der Pessimismus wiederholt sich" oder "Internet" verbergen. Letzteres erscheint in den Lyrics als Sammelplatz bereits schwerkranker Kommunikation. Die recht markante Stimme gehört Vocaloid, eine Software für künstlichen Gesang, die ursprünglich von Yamaha entwickelt wurde. Hatsune Miku, die in Japan beliebteste synthetische Stimme, deren Samples von der Synchronsprecherin Saki Fujita stammen, singt dabei Shōmetsus Ideen nach. Die Stimme ist im Gegensatz zu kinoue64 in Japan so bekannt, dass sie einen eigenen Comic Avatar hat, der in der Suchmaschine Duckduckgo sogar die berühmte Ente nach ihrem Abbild verändert. Der Avatar hat türkise Haare, türkise Augen und trägt – wie passend, stets Hemd und Krawatte.