Zur Nekropolitik
Ein neues Zeitalter hat bereits begonnen. Die neue Welt der großen Mächte ist auf Macht, Stärke und - wenn nötig - auch Gewalt gegründet. Sie ist kein kuscheliger Ort.
Friedrich Merz
Dieses Zitat stammt aus einer Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos¹. Merz spricht darin von Macht und Gewalt als Mittel zeitgemäßer Politik. Er drückt zunächst aus, dass die "neue Welt" kein "kuscheliger" Ort sei. Später stellt er klar, dass sich aus seiner Weltsicht aber auch keine Determiniertheit ergibt und will Probleme mit Partnerschaften lösen.
Was Merz sagt, ist aber gar nicht so schlüssig. Gewalt, ausgehend von Nationalstaaten gab es auch im 20. Jahrhundert, denn während des Kalten Krieges kam es zu über 150 militärischen Auseinandersetzungen. Im Rahmen der Cubakrise wäre die Aufrüstung fast in einer atomaren Katastrophe gemündet. Die Dekolonialisierung Afrikas zog sich bis in die 1970er Jahre. Unter diesem Licht betrachtet klingt die Verkündigung eines neuen Zeitalters geschichtsvergessen.¹
Im Sommer 2022 filmte ich eine Demonstration der Gruppe 'Lebenslaute'² . Die Teilnehmer*innen waren überwiegend Rentner:innen aus dem bürgerlichen Lager und spielten ein Konzert auf einer Straße zwischen Niederklein und Lehrbach im ländlichen Mittelhessen. Manche von ihnen gehörten zu den bürgerlichen Aktivist:innen, die sich zusammengeschlossen hatten, um gegen den Bau eines Abschnitts der A49, der durch einen Wald und ein Trinkwasserschutzgebiet gebaut wurde zu protestieren.
Ein älterer Mann, der wegen der Versammlung nicht mehr weiter fahren konnte, bekam in diesem Moment Lust, in meine Kamera zu sprechen:
Er: Mein Recht, ich bezahl Steuern, die bezahl'n keine.
Ich: Aber so oft machen die das ja eigentlich nicht, ne?
Er: Nee, das kann net wahr sein sowas.
Ich: Haben Sie schonmal von der Klimakrise gehört?
Er: Bitte?
Ich: Von der Umweltkrise, haben Sie da schonmal von gehört?
Er: Ich versteh sie nicht, die spielen Musik hier!
Ich: Ob sie von der Umweltkrise schonmal gehört haben?
Dann gab er mir ein Abschlussstatement voller Assoziationen, bevor er zu seinem Auto zurücklief und ließ mich noch einmal tief in seinen Kopf blicken:
Er: Ja, Umwelt hin, Umwelt her. Der ganze Wohlstand. Wer hat den denn erarbeitet? Wer hat den denn geschaffen? Aber net die hier. Die sind für mich Schmarotzer. Umwelt hin, Umwelt her. Den Wohlstand in Deutschland. Guckt mal in die Ukraine. Wo da täglich tausende sterben, oder hunderte.. Schämt euch.
Merz sagt: "Die neue Welt... ist auf Macht, Stärke und - wenn nötig - auch Gewalt gegründet" und der Mann in meinem Voxpop sagt nach einem Exkurs über Arbeits- und Steuerzahlermoral völlig abrupt: "Guckt mal in die Ukraine... Schämt euch".
Beide mobilisieren externe Todeszonen für ihre eigene politische Agenda. So eine Politik des Todes darf aber nicht zum Common Sense werden. Sie lässt Transformationsräume auf eigene Interessen zusammenschrumpfen. Merz und der Mann auf der Straße sind keine Propheten einer neuen Zeit, sondern Teil einer neukonfigurierten Nekropolitik.
Quellenangaben:
¹ Goschler, Constantin: Wie kalt war der Kalte Krieg wirklich?, Newsportal der Ruhr-Universität Bochum, 23. November 2023, online unter: https://news.rub.de/wissenschaft/2023-11-23-wissenshaeppchen-wie-kalt-war-der-kalte-krieg-wirklich (letzter Zugriff: 30.01.2026).
² Friedrich Merz: Rede beim World Economic Forum am 22. Januar 2026 in Davos, online unter: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/rede-von-bundeskanzler-merz-beim-world-economic-forum-am-22-januar-2026-in-davos-2403600
Anmerkung: Seine politische Agenda umfasst massive militärische Aufrüstung. Merz kündigte in Davos an, die Verteidigungsausgaben auf fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen. Auf sozialpolitischer Ebene arbeitet die CDU mit einer politischen Kampagne, die auf eine Sozialdisziplinierung der Arbeiterschaft abzielt.
³ Lebenslaute Hessen: Demonstration am 11. Juni 2022, online unter: https://www.lebenslaute.net/?page_id=2452
Literaturangabe:
Mbembe, Achille: Politik der Feindschaft, aus dem Französischen von Michael Bischoff, Berlin: Suhrkamp 2017.
Meine Medien:
Eigene Aufnahme der Lebenslaute-Demonstration am 11. Juni 2022