Kleines Musikmagazin
Im Jahr 2018 entstanden Vlogging-Formate auf Youtube, die Dorfbewohner und prekäre Arbeiter in Großstädten an den Bildschirmen gleichermaßen trösteten. Auf dem Land lebende Teenager trösteten sie, weil das Stadtleben nicht nur ein buntes Eldorado zu sein schien und die präkarisierten Büroarbeiter schienen sich selbst mit dem Dreh der Videos zu trösten, um ihre Schmerzensschreie der Einsamkeit mit Fremden im Netz zu teilen. Der Channel Paolo fromTOKYO etablierte das Format "A Day in the Life of a Japanese Salaryman", in dem Paolo, eigentlich ein Youtuber mit philippinischen Wurzeln, durch das namensgebende Video als Reporter manövrierte. Er sorgte gerade damit für Authentizität, dass er selbst, neben einem jungen japanischen Salesman vor der Kamera auftrat. Spätere Youtuber inszenierten ohne vor der Kamera zu sprechen, oft kommentarlos, nur unterstützt durch Untertitel. Sie zeigten, wie sie zur Arbeit pendelten, über Nacht in einem Stundenhotel schliefen und sich von den Kochkünsten der Snackautomaten verwöhnen ließen. Diese Videos voller offen präsentierter – oder vielfach inszenierter – Erschöpfung werden oft als misery porn bezeichnet und haben KI-Thumbnails mit Beschriftungen wie "Late Stage Capitalism". Als die Sache weiter Fahrt aufnahm, enttarnte ein Youtuber mehrere der Videos als offensichtliche Fakes, die wahrscheinlich von sehr jungen Japanern stammen, die keine Salesmänner sind. Über sechs Millionen Aufrufe bekam ein Video des Kanals Salaryman Tokyo, einem angeblichen oder tatsächlichen Office-Arbeiter mit billigen Businessschuhen, die sich zeitsparend mit einem Reißverschluss öffnen und schließen lassen. Es herrscht eine eher drückende Atmosphäre: In der U-Bahn Tokyos wird traditionell geschwiegen, Gespräche sind in den Videos völlig abwesend. Einen geeigneten Soundtrack-Kandidaten für diese Vlogs – oder auch für tatsächliche Burnout-Arbeiter – liefert Nichijou Shōmetsu mit seinem Album 日常消滅 ("Daily Life Vanishes") unter dem Projeknamen kinoue64. kinoue64 ist eine moderne One-Man-Band, spielt selbst Gitarre, baut sounds nah am Noise-Rock, hinter dessen zugedeckten Gittarenvorhängen sich Tracks mit Namen wie "Der Pessimismus wiederholt sich" oder "Internet" verbergen. Letzteres erscheint in den Lyrics als Sammelplatz bereits schwerkranker Kommunikation. Die recht markante Stimme gehört Vocaloid, eine Software für künstlichen Gesang, die ursprünglich von Yamaha entwickelt wurde. Hatsune Miku, die in Japan beliebteste synthetische Stimme, deren Samples von der Synchronsprecherin Saki Fujita stammen, singt dabei Shōmetsus Ideen nach. Die Stimme ist im Gegensatz zu kinoue64 in Japan so bekannt, dass sie einen eigenen Comic Avatar hat, der in der Suchmaschine Duckduckgo sogar die berühmte Ente nach ihrem Abbild verändert. Der Avatar hat türkise Haare, türkise Augen und trägt – wie passend, stets Hemd und Krawatte.
Unter dem Genre Synthwave wird mit einer Menge Bückwaren gehandelt. Die zunächst für umme veröffentlichte Produktion aus dem heimischen Bedroom aus New Jersey des amerikanischen Ostküstenbewohners Seth Haley macht es etwas besser. Sie liefert zunächst im Titeltrack die bestellten Snares und Base-Drums der europäischen Disko auf einem luftigen Synth und besonders mit Sundripped den perfekten Soundtrack eines italienischen Playboys für die Fahrt in seinem weißen Rennwagen. Wäre dann bereits Schluss gewesen, stünde eine Erwähnung an dieser Stelle auf der Kippe, aber die durch Bonus Tracks wie das von Vocals durchzogene Pyragony erschienene Verkaufsversion von Cyanide Sisters bringen den Playboy über den Brenner, ohne dass er verschwitzt sein Ersatzhemd aus der Kühlbox nehmen muss.
Irgendwann kurz nach der Jahrtausendwende, vielleicht in den für das Album Community Service von Professor Kliq namensgebenden Jahren 2005-2009, als ich mich für Creative Commons und die digitale Utopie der bei mir auf dem Dorf kaum stabil zur Verfügung stehenden Materie namens Internet interessierte, gab es draußen im Netz einen kleinen DIY-Sender, der nur unkommerzielle Musik versendete und sogar eigene – wahrscheinlich ebenfalls Pubertierende – Radiomoderatoren beschäftigte. Er ging täglich umsonst und ohne Spendenbanner auf Sendung. Die üblichen Tracks des Senders lauteten The Signal von BertycoX, Sad Robot von einer 8Bit-Band namens Pornophonique oder auch Discount Store von einem Künstler namens Dan Bryk. Qualitätskritereien um On-Air gehen zu dürfen, gab es keine – zumindest keine Ersichtlichen oder in irgend einer Weise Transparenten. Die genannten Tracks wurden in Ermangelung vieler Alternativen oft tagein tagaus gespielt. Genau wie in einem richtigen Radiosender, allerdings aus Armut, nicht aus Kommerzgelüsten. Ein musikalisches Schlaglicht setzte ein Elektronikmusiker namens Professor Kliq. Es ist eine Platte, die meiner Meinung nach genau so in die Hände von Produzenten gehört, wie diese oft Is There Love in Space von Joe Satriani als musikalische Lektüre in ihrer Sammlung haben. Mit seinen schäbigen Cartoon-Wurf-Samples und etwas generischen Synths (wurden diese auch unter einer Creative Commons Lizenz veröffentlicht?) gelang Kliq musikalisch am Keyboard und Controller eine Menge. Von arschcoolen Genre-Nummern wie Bust This Bust That, über den gönnerhaften halligen Piano-Sound in Crystals bis hin zum Überhit der Radiostation, dem ekstatischen Plastic And Flashing Lights – das später als Wire And Flashing Lights veröffentlicht wurde und sogar in einer Nokia-Handywerbung verwurstet wurde. Unsere Ideen waren damals vielleicht etwas halbgar, denn Professoren brauchen – wie die mutmaßliche Lizenzvergabe an Nokia später zeigte – auch ein Gehalt.
Underscores, dahinter verbirgt sich die kalifornische Musikerin April Harper Grey. U ist ihr Sound geschrieben an Nichtorten: Flughäfen, Shoppingmalls, Supermärkte. U führt vorgeblich ihre Dubstep-Einflüsse fort. Das stimmt aber nur für wenige Tracks, denn erfreulicherweise erreichen viele eine solide 2/10 in Sachen Technopunch. Ihr Galleria-Hyperpop ist der endgültige Beweis: Wir sind alle schon lange tot.
Traveling Light ist eine Evolution von Jazz-Standards aus dem 20. Jahrhundert und verbindet sie mit den Feedback-Elementen von Rafael Torals Sounddesign. Im Studio eingespielte Blasinstrumente kommen dabei zum Einsatz, nie klingt das Ganze aber nach Jazz-Schemata, sondern ist die Vertonung einer langsamen Lichtgeschichte.
An diesem verschneiten Tag melde ich mich mit einem Album, dessen häufigste Kommentare im Internet darauf hinweisen, wie viel es abseits der bekannten Mainstreaminterpreten noch zu entdecken gibt. Das gilt wohl für vieles im Leben.
Sicher eines der besten Alben des vergangenen Jahrhunderts ist der Titel ein Seitenhieb auf die gehypeten Beatles und sollte den Manager der Band, Peter Jesperson, einen glühenden Beatles Fan, auf die Palme bringen.
Eigentlich als Kompaktkassete konzipiert, soll Otto Bensons's Peanut die Navigation durch die amerikanische Landschaft erleichtern und mehr innere Ruhe ermöglichen. Auch wenn manch einer leider gute Gründe haben dürfte, sich unnötige Fahrten im Land der aufgebrauchten Freiheit zu verkneifen, tut etwas innere Ruhe den Amis sicher gut.
Three Lices and a Molly produziert seine Musik aus seinem Schlafzimmer in Cluj-Napoca in Rumänien. Der Sound ist luftig und minimal und konnte nur im Kleinen authentisch entstehen. Das Album bringt aber genug gute Ideen mit, um weit über die Bettkante hinaus zu hüpfen.
Die britische Band caroline schafft mit caroline 2 ihren Durchbruch. Was ist caroline 2? Zuerst einmal verschlossen. Man muss sich Zeit geben für das mutige und introvertierte Songwriting und auf die Fülle an Unverschämtheiten dem Hörer gegenüber gefasst sein. Caroline 2 liefert einen intellektuellen und empfindsamen Beitrag zu poetischem Postrock und enthält trotz betrügender Tracklist überhaupt kein "coldplay cover".
Auf dem Albumcover ist der Beagle namens Boogie der japanischen Jazzkünstlerin Himiko Kikuchi aus dem Jahr 1987 bereits wieder gelandet. Spielt man die Platte ab, fliegt er noch wie vor rund vierzig Jahren. Das früher weitgehend in seiner Bekanntheit auf den japanischen Inselstaat eingeschränkte Album wurde durch einen Youtube-Upload eines Users namens "Captain Chef" spät zum Internethit, der heute 9,3 Millionen Aufrufe zählt.
Die "Honigkinder" aus Norwegen machen experimentellen Noise-Rock mit ersichtlichen Elektroanleihen und sind bereits seit mehreren Jahren eingespielt. Soft Spot ist eine starke Politisierung der Kunst. Das Album beginnt mit einem Gedicht: "Ein Typ im Internet sagt mir wir leben in Elon Musks Simulation" und kreist weiter zum Klassenkampf. Das klingt auch gut, wenn man kein norwegisch versteht.
Nicolas Godin baut in Concrete and Glass einen Palast für seinen Elektropop, atmosphärisch, melancholisch und trotzdem lebensfroh.
Mit einer Hand voll Regenwürmern im Mund auf die Zahnreinigung wartend, landete aya mit hexed! in sämtlichen Bestenlisten internationaler Musikmagazine, die jeden ihrer stilistischen Tricks und Kniffe und die selbstbezogenen Themen abfeierten.
"Tennis, Everyone" ist Hakitas bestes Werk. Es ist als eine musikalische Schleife komponiert und soll daher wohl pausenlos gehört werden - ein Leben lang. Dazu ist es aber etwas zu sportlich. Die schnelle Platte liefert gleichzeitig Monotonie und Komplexität rund um den drumlastigen Industrial.
Verträumt psychedelisches Album, in dem die Band Spiegelungen der Landschaft Patagoniens angenehm verzerrt. Das klingt richtig gut.
Das Debütalbum des Engländers Geordie Greep kocht Fusionsoundküche mit Jazz in den musikalischen - und flambierten Mascfluencern in den satirischen Geschmacksnoten.
Unwahrscheinliches Album, dass "für Pflanzen... und Menschen die, die sie lieben" komponiert ist. Soll der Legende nach in Los Angeles beim Kauf von Zimmerpflanzen wie Zierspagel, Einblattpflanze oder Bogenhanf als Dreingabe mitgegeben worden sein und ist heute wieder (solo) erhältlich. Erinnert vom Klang her unverkennbar an Oxygène von Jean Michel Jarre aus den späten 70ern - muss aber länger wachsen.
In Mar da Deriva "Meer des Abdriftens" spielt die brasilianische Band Vauruvã eine Platte aus drei langen experimentellen Stücken über das Motiv des Wandels. Atmosphärisch, mit tosendem Schlagzeug und indigenen Klanganleihen. Mar da Deriva klingt ein bisschen so, als hätte man sich die Haut an der Atmosphäre eines neuen Planeten angesengt.
Diamond Jubilee heißt der Geniestreich des Musikers Patrick Flegel, verkörpert durch seine Drag-Persona Cindy Lee. Über zwei Stunden spielt sie mit ihrer Band Lieder, die die Konstruiertheit der kanadischen Seele vermitteln und bedient sich vielleicht heimlich an einigen Ideen des kambodschanischen Garagenrocks von Cambodian Rocks. Diamond Jubilee ist aber mehr als seine Teile: Der Sound und die Melodien klingen wie eine emotionale Kernschmelze aus Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart. Es ist bei Weitem das beste postmoderne Album.