Kleines Musikmagazin
Traveling Light ist eine Evolution von Jazz-Standards aus dem 20. Jahrhundert und verbindet sie mit den Feedback-Elementen von Rafael Torals Sounddesign. Im Studio eingespielte Blasinstrumente kommen dabei zum Einsatz, nie klingt das Ganze aber nach Jazz-Schemata, sondern ist die Vertonung einer langsamen Lichtgeschichte.
An diesem verschneiten Tag melde ich mich mit einem Album, dessen häufigste Kommentare im Internet darauf hinweisen, wie viel es abseits der bekannten Mainstreaminterpreten noch zu entdecken gibt. Das gilt wohl für vieles im Leben.
Sicher eines der besten Alben des vergangenen Jahrhunderts ist der Titel ein Seitenhieb auf die gehypeten Beatles und sollte den Manager der Band, Peter Jesperson, einen glühenden Beatles Fan, auf die Palme bringen.
Eigentlich als Kompaktkassete konzipiert, soll Otto Bensons's Peanut die Navigation durch die amerikanische Landschaft erleichtern und mehr innere Ruhe ermöglichen. Auch wenn manch einer leider gute Gründe haben dürfte, sich unnötige Fahrten im Land der aufgebrauchten Freiheit zu verkneifen, tut etwas innere Ruhe den Amis sicher gut.
Three Lices and a Molly produziert seine Musik aus seinem Schlafzimmer in Cluj-Napoca in Rumänien. Der Sound ist luftig und minimal und konnte nur im Kleinen authentisch entstehen. Das Album bringt aber genug gute Ideen mit, um weit über die Bettkante hinaus zu hüpfen.
Die britische Band caroline schafft mit caroline 2 ihren Durchbruch. Was ist caroline 2? Zuerst einmal verschlossen. Man muss sich Zeit geben für das mutige und introvertierte Songwriting und auf die Fülle an Unverschämtheiten dem Hörer gegenüber gefasst sein. Caroline 2 liefert einen intellektuellen und empfindsamen Beitrag zu poetischem Postrock und enthält trotz betrügender Tracklist überhaupt kein "coldplay cover".
Auf dem Albumcover ist der Beagle namens Boogie der japanischen Jazzkünstlerin Himiko Kikuchi aus dem Jahr 1987 bereits wieder gelandet. Spielt man die Platte ab, fliegt er noch wie vor rund vierzig Jahren. Das früher weitgehend in seiner Bekanntheit auf den japanischen Inselstaat eingeschränkte Album wurde durch einen Youtube-Upload eines Users namens "Captain Chef" spät zum Internethit, der heute 9,3 Millionen Aufrufe zählt.
Die "Honigkinder" aus Norwegen machen experimentellen Noise-Rock mit ersichtlichen Elektroanleihen und sind bereits seit mehreren Jahren eingespielt. Soft Spot ist eine starke Politisierung der Kunst. Das Album beginnt mit einem Gedicht: "Ein Typ im Internet sagt mir wir leben in Elon Musks Simulation" und kreist weiter zum Klassenkampf. Das klingt auch gut, wenn man kein norwegisch versteht.
Nicolas Godin baut in Concrete and Glass einen Palast für seinen Elektropop, atmosphärisch, melancholisch und trotzdem lebensfroh.
Mit einer Hand voll Regenwürmern im Mund auf die Zahnreinigung wartend, landete aya mit hexed! in sämtlichen Bestenlisten internationaler Musikmagazine, die jeden ihrer stilistischen Tricks und Kniffe und die selbstbezogenen Themen abfeierten.
"Tennis, Everyone" ist Hakitas bestes Werk. Es ist als eine musikalische Schleife komponiert und soll daher wohl pausenlos gehört werden - ein Leben lang. Dazu ist es aber etwas zu sportlich. Die schnelle Platte liefert gleichzeitig Monotonie und Komplexität rund um den drumlastigen Industrial.
Verträumt psychedelisches Album, in dem die Band Spiegelungen der Landschaft Patagoniens angenehm verzerrt. Das klingt richtig gut.
Das Debütalbum des Engländers Geordie Greep kocht Fusionsoundküche mit Jazz in den musikalischen - und flambierten Mascfluencern in den satirischen Geschmacksnoten.
Unwahrscheinliches Album, dass "für Pflanzen... und Menschen die, die sie lieben" komponiert ist. Soll der Legende nach in Los Angeles beim Kauf von Zimmerpflanzen wie Zierspagel, Einblattpflanze oder Bogenhanf als Dreingabe mitgegeben worden sein und ist heute wieder (solo) erhältlich. Erinnert vom Klang her unverkennbar an Oxygène von Jean Michel Jarre aus den späten 70ern - muss aber länger wachsen.
In Mar da Deriva "Meer des Abdriftens" spielt die brasilianische Band Vauruvã eine Platte aus drei langen experimentellen Stücken über das Motiv des Wandels. Atmosphärisch, mit tosendem Schlagzeug und indigenen Klanganleihen. Mar da Deriva klingt ein bisschen so, als hätte man sich die Haut an der Atmosphäre eines neuen Planeten angesengt.
Diamond Jubilee heißt der Geniestreich des Musikers Patrick Flegel, verkörpert durch seine Drag-Persona Cindy Lee. Über zwei Stunden spielt sie mit ihrer Band Lieder, die die Konstruiertheit der kanadischen Seele vermitteln und bedient sich vielleicht heimlich an einigen Ideen des kambodschanischen Garagenrocks von Cambodian Rocks. Diamond Jubilee ist aber mehr als seine Teile: Der Sound und die Melodien klingen wie eine emotionale Kernschmelze aus Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart. Es ist bei Weitem das beste postmoderne Album.