Journalismus in der Krise

Nach Lützerath bin ich mit einem idealisierten Blick der Neutralität auf die Presselandschaft gestartet und wurde dort von politisch Bewegten kritisiert. Dadurch, dass ich unzähligen Journalist*innen über die Schulter gucken konnte, ist mein Bild über die Zunft kritischer geworden. Politisch wirksam ist bereits die Selektion von Themen. Schauen wir für ein Beispiel in die Popkultur: Der Film "Citizen Kane", hat mit Humor gezeigt, dass es sich selbst bei Nachrichtenbeiträgen um fiktive Erzählform handeln kann. Dieser Mythos der Neutralität, der von rechts diktiert und von allen Seiten nachgeplappert wird, vereint sich momentan mit einer schwindenden finanziellen Grundlage für die Menschen, die testen und insbesondere auch dokumentieren, wie frei unsere Gesellschaft noch ist und wie die Welt funktioniert.

In Lützerath habe ich schnell bemerkt, dass der Journalismus nicht neutral ist. Denn jede Beitragsgestaltung (damit meine ich selbstverständlich keinen Lügenpresse-Vorwurf, sondern die Selektion von Relevantem) unterliegt der Mode, dem Einfluss der politisch Mächtigen und dem Zuspruch und dem Geist der Zuschauer*innen. Die Geschichte kennt viele Parteizeitungen, die offen parteiisch auftraten. Natürlich sind Neutralität und Objektivität heute besonders im nüchternen Nachrichtenjournalismus ehrenwerte Tugenden, aber Tugenden lassen sich nicht vollends erreichen. Wird diese Erwartung geweckt, beobachten Wissenschaftler*innen den Hostile-Media-Effekt, bei dem selbst ausgewogene Berichterstattung als einseitig (feindlich) interpretiert wird. Die qualitative Wissenschaft geht zudem im Selbstverständnis mit dem Ideal der Neutralität deutlich kritischer um. Und sie ist immerhin die Wissenschaft. Fragt man einen Wissenschafter - man kann dazu durchaus fünfzig Jahre zurück gehen - wird man bei ihm selten die Annahme finden, er stände in keiner Beziehung zum Forschungsgegenstand oder auf einer neutralen Seite, die nicht seiner Umwelt verbunden ist. Natürlich kommen auch geisteswissenschaftliche Einsprüche dazu, wie der der Verblendung: Das Individuum ist gefesselt an seine Umstände, Empfindungen und an seine Zeit. Der eine Mensch mehr der andere weniger und der Journalist hoffentlich besonders frei und mit einem Blick, der seine Klasse in der Gesellschaft transparent macht und ab und zu über den eigenen Tellerrand sehen kann.

In den letzten Jahren, insbesondere ab 2021, dem Jahr der Aktivismus-Debatte, die von Ulf Poschardt über Twitter geführt wurde, nahm diese Neutralitätsdebatte absurde Ausmaße an. Plötzlich wurde nicht mehr der Einfluss finanzieller, sondern ideeller Interessen skandalisiert, was für allgemeine Aufregung sorgte. Viele, die etwas zur Klimakrise (immerhin eines der größten Themen der Welt) publizierten, wurden einem inexistenten Delikt verdächtigt, um dann auf eine Neutralitätsvorschrift verklagt zu werden, die ebenfalls, wie echte Gerichte (abseits von Twitter) derweil klar stellten, presserechtlich überhaupt nicht existiert. Dieser Rückfluss erfolgte konzentriert von wenigen Punkten. Jan Fleischhauer rief, wenn auch scherzhaft, zum Elitarismus im Journalismus auf, obwohl die Klimakrise die Mängel von modernen Institutionen in der Wirtschaft schonungslos offen gelegt hat und der Zusammenschluss von Ungerlernten, Gelernten und Quereinsteigern den Beruf erst begrenzt resilient gegen fossile Interessen gemacht haben. Wer auf reine publizistische Institutionalisierung setzt, die auch noch unlogische absolute Neutralitätsversprechen abgibt, der wird eine Schleife aus Erfolgskontrolle und Zuschauermeinung befördern, die keine kritische Öffentlichkeit, sondern nur Opportunismus erzeugt und sich selbst verstärkt. Es entsteht am wenigsten neutraler "Aktivismus" für den Status Quo.

Meine Erfahrungen mit der Bezahlungen schließlich, waren fast durchweg negativ. Hier muss dringend Öffentlichkeit hergestellt werden, denn auch Kolleg*innen haben nur von negativen Erfahrungen berichtet. Viele Außenstehende können sich den Grad der Zustände, auch im Bereich der öffentlich finanzierter Sender, nicht vorstellen. Es ist zeitlich herausfordernd immer wieder aufs Neue zu verhandeln, dass es nicht möglich ist, eine Sendelizenz für ein Bild in Höhe von 50 Euro auf gewerbliche Rechnung zur Verfügung zu stellen, weil "GettyImages" das angeblich auch tut. Die Gravitationskräfte, die dazu führen, dass sich bessere Honorare nicht durchsetzen, sind, (Überspitzt in den Folgerungen beschrieben); Ächtung von Kritik, Entzug des BPA durch mangelnden wirtschaftlichen Erfolg, fehlender Zugang zu Produktionsmitteln durch mangelnden wirtschaftlichen Erfolg, Nichtöffentlichmachung der Kritik, um dem Pressekodex und das Ansehen der Presse nicht zu gefährden und düstere Aussicht, Independent-Journalismus überhaupt nicht mehr stattfinden zu lassen. Wer aus diesen Gründen zu viele Aufträge ablehnen muss, wird am Ende "Blogger", "Filmer", "Fotograf" oder "Aktivist" genannt. Das sind an der richtigen Stelle sicherlich erfreuliche Bezeichnungen. Die freiberufliche Journalistin Jenni Monet, die über indigene Angelegenheiten schreibt, beschäftigte sich mit der Zweckentfremdung dieser Zuschreibungen. Sie sagte: "As a marginalized writer of color, I can't afford to be called an activist."

Wichtig ist mir zu erwähnen, dass meine Kritik in dieser Deutlichkeit nur dann ausfällt, wenn eine Bezahlung in keinster Weise die Umkosten deckt, also für einen Freiberufler ein gefährliches Spiel ist und sittenwidrig ist. Und: Wenn es sich um große Medien mit Milliardenbudget handelt und im Rahmen besonders dreister Fälle. Für viele kleine Zeitschriften, die sich meistens fair verhalten haben und einfach nicht mehr zahlen konnten, habe ich keine kritischen Worte. Da diese Branche eine lieb gewonnene liberale Institution ist, muss diese Kritik gegen große Player erlaubt sein (obwohl sie es in der Praxis nicht ist.) Meine Erfahrungen dazu sind detailliert und ich habe auch mit anderen Kolleg*innen gesprochen, die ebenfalls über diese Branche die Stirn in Falten gelegt haben. 

Das tue ich auch. Nicht nur habe ich immer wieder von Kolleg*innen gehört, die für einen Job keine Speicherkarte oder keinen Akku für zusätzliche 15 Euro bezahlen konnten, oder von einer Kollegin auf einem meiner Vorträge, die zugab, ihre journalistische Laufbahn zunehmend von ihrem Erbe zu finanzieren, oder anderen, die mir sagten, dass große Tageszeitungen für eine Bildveröffentlichung ein Fixum zahlen, dass sich seit Jahrzehnten nicht geändert hat. Ich habe festgestellt, dass sich über Social Media ein zu sorgloser Umgang mit meinem Urheberrecht breit gemacht hat. Weder wurde ich von Menschen, die ein hohes Gehalt haben, um Zustimmung für das Teilen meiner Inhalte gebeten, noch wurde mir gefolgt oder eine Bezahlung zuteil. Es ist unsensibel, denn die Gewinnzone habe ich mit diesem Bild nicht betreten können. Es ist etwas anderes, sich einen Song von Beyonce ungefragt zu ziehen, als ein Produkt von einer unbekannten Person, das noch nicht ausgewertet ist. In dieser Denkweise liegt die Vermutung, die bekannten Strukturen wären noch in der Lage, den Fotojournalismus wie gewohnt auszuwerten. Aber das darf bezweifelt werden und inzwischen gefährden die Strukturen vielfach das Entstehen von Neuem.

Ich habe mir abschließend Gedanken gemacht, wo die größten Schwierigkeiten liegen und wie sich die Krise des Journalismus überwinden könnte. Es besteht aus meiner Sicht ein Organisationsdefizit innerhalb der inzwischen fünften Gewalt auf vielen Ebenen. Dazu gehört, dass viele, durchaus hochwertige journalistische Inhalte über Twitter veröffentlicht werden, während der Medienwandel gleichzeitig den Qualitätsjournalismus kannibalisiert und offen angreift. 2022 wurden bei Twitter Konten von Journalist*innen gesperrt und damit die freie Rede eingeschränkt. Elon Musk schickte nach seiner Übernahme von Twitter auf Presseanfragen vulgäre Emojis, während viele Tech-Konzerne überhaupt nicht mehr auf sie antworten. Bei TikTok, Uber und Facebook soll Berichten zufolge sogar eine Überwachung der Standorte von kritischen Journalist*innen über Handyapps stattgefunden haben, die zu der Überwachung der Leser*innen durch die Plattformen hinzukommt. Im digitalen Raum muss die Presse wieder Boden gut machen. Helfen könnten 'positive' Rechte für die Presse, wie kostenlose Zustellung von Erzeugnissen in Gebiete mit geringer Verfügbarkeit, Auskunftsrechte bei privaten Großkonzernen und ein Fond für freie Journalist*innen, denen ein relevanter Beitrag glückt. Schließlich lohnt es sich im analogen Raum auch weiterhin für traditionelle 'negative' Rechte (Schutz vor Überwachung, Schutz vor physischen Angriffen auf Demonstrationen durch Polizei oder Demoteilnehmer*innen) einzustehen. 

Diese konkreten Vorschläge und Problematisierungen sollen zeigen, dass strukturelle Verluste durch den Medienwandel keine Einschüchterung vor den Rechten und kein Einpendeln an einem tiefen Wasserstand zur Folge haben müssen, sondern Ideen hervorbringen können, die die Strukturen wieder stärken. Sie können der Notwendigkeit folgen, nicht digital überwachte und von einem sich selbst verstärkenden Reichweitendiktat weitestgehend befreite, resiliente, unabhängige und dennoch reichweitenstarke Publikationen zu bilden. Gemacht für kritische Rezeptoren, die medienkompetent sind und die eine Dekonstruktion und Analyse selbst leisten können, ohne daraus fehlerhafte Schlüsse abzuleiten. Das klingt zwar ambitioniert und bezieht eine aktive Politik mit ein, aber dort, wo dieses Ideal nicht berücksichtigt wird, kommt es zu unkalkulierbaren Risiken für die Öffentlichkeit. Mal gewinnt in der Unaufgeklärtheit die Vernunft, aber im nächsten Moment umso deutlicher der Hass und die Stereotypen als einfache Erklärungen für Chaos und Komplexizität.

In all diesen Punkten können Journalist*innen in jedem Fall zu Aktivist*innen werden und ihre 'Neutralität' über Bord werfen. Sie sollten sich nicht wie Proto-KI eines Sillicon-Valley-Konzerns verhalten. Passivität mag eine sinnvolle Strategien für ein Dinner in guter Gesellschaft sein, eignet sich aber nicht für einen Arbeitskampf in einer Medienlandschaft, deren Häuser der Dunkelheit trotzen müssen.

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https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-662-59466-7_5

"Am Ende all dieser Monetarisierungsstrategien steht die ernüchternde Einsicht, dass die ökonomische Basis, die in Zukunft massenmedialen Qualitätsjournalismus tragen wird, schrumpft wie die Gletscher in den Alpen im Angesicht des Klimawandels." Franco Zotta

"Redaktionen wollen invest.Langzeitrecherchen u Reportagen. Angemessen bezahlt werden sie selten. Bsp 2022: Zu zweit 250€ für eine Seite1. Tagessatz für Magazin-Story unter 50€. Stundensatz < Mindestlohn. Sicherheitstrainings,Akteneinsichten uvm zahlen wir fast immer selbst." Selbstlaut Kollektiv

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