Lass uns nun ein Spiel spielen, das durch unsere Möglichkeiten der Big History möglich ist. Stellen wir uns die attische Demokratie vor, die etwa 180 Jahre alt wurde. Im Jahr 483 v. Chr. wurde in den Silberminen von Laurion eine reiche neue Ader entdeckt. Ihr Wert von hundert Talenten entsprach einem damaligen Vermögen. Nach altem Recht stand jedem Bürger des kleinen Stadtstaats Athen ein gleicher Anteil zu, etwa zehn Drachmen, der Lohn für zwei Wochen Arbeit. Themistokles ein sozialer Aufsteiger aus einfachen Verhältnissen schlug vor, das Silber stattdessen für den Bau einer Flotte von zweihundert Trieren zu verwenden, einer Kriegsflotte gegen die Perser, die nach Marathon noch nicht aufgegeben hatten. Aristides, ein attischer Staatsmann stellte sich dagegen. Er wollte, dass das Silber an die Bürger verteilt würde, wie es das Gesetz vorsah. Er hielt zudem an den Hopliten fest, der schwer bewaffneten Mittelschicht, die bei Marathon gesiegt hatte. Eine Flotte hingegen würde von Ruderern angetrieben, von den Theten, der ärmsten Bürgerklasse, und wer Athen seine Sicherheit verschaffte, würde am Ende auch politisches Gewicht erhalten. Aristides verteidigte das Bestehende. Er hieß der Gerechte, weil er das Gesetz gegen den kühnen Plan von Themistokles verteidigte. Sein Veteilungsmodell kann man als eine regressive Umverteilung bezeichnen. Jeder erhält das Gleiche, Reiche wie Arme. Im Frühjahr 482 v. Chr. versammelten sich die Athener in einem hölzern umzäunten Bezirk auf der Agora, jeder Bürger mit einer Tonscherbe in der Hand, in die er den Namen eines Mannes ritzte, den er für zehn Jahre aus der Stadt entfernen wollte. Dieses Verfahren war radikal antistaatlich. Der Staat stellte nur den Ort. Die Bürger brachten ihre Scherben mit. Es handelte sich außerdem um kein typisches rechtstaatliches Verfahren. Wer die meisten Tonscherben mit seinem Namen zählte, wurde zehn Jahre aus Athen verbannt. Für diese Verbannung gab es aber keine Gesetze, kein Gericht und nicht einmal eine rationale Begründung.
Aus diesem staatsfreien Verfahren folgte auch, dass Staatsbeamten keine tragende Rolle dabei enthielten. Nicht alle Athener konnten schreiben. Aber sie konnten auch keinen Staatsbeamten dazu verpflichten, die Scherbe zu beschriften. Das hätte das Verfahren zu sehr in die Gewalt des Staates gerückt. Wer nicht schreiben konnte, musste einen Bekannten, ein Familienmitglied oder einen Fremden bitten, die Scherbe auszufüllen.
Der griechische Philosoph Plutarch berichtet, dass an jenem Tag ein des Schreibens unkundiger Bauer den Staatsmann Aristides seine Scherbe entgegenstreckte und ihn bat, den Namen Aristides darauf zu schreiben. Aristides fragte ihn, ob Aristides ihm jemals etwas getan habe. Nein, antwortete der Bauer, er kenne ihn nicht einmal, aber es ärgere ihn, dass alle ihn überall den Gerechten nennen. Aristides nahm die Scherbe und schrieb seinen eigenen Namen darauf. Am Ende des Tages waren mehr als sechstausend Stimmen abgegeben, das gesetzlich geforderte Mindestmaß für eine gültige Verbannung. Aristides hatte zehn Tage Zeit, die Stadt zu verlassen. Etwa zwölftausend solcher Scherben sind heute aus der Agora und dem Kerameikos ausgegraben.
Nun zurück zu unserem Spiel. Waren die Athener der landläufigen Meinung nach Ingenieure der Demokratie oder lebten sie als sandalentragende Halbmenschen in einer ökologischen Nische, welche die Demokratie als Herrschaftsform logisch mitbedingte? Lege jetzt die Schrift beiseite und denke kurz über die Frage nach.
Der landläufigen Meinung nach waren die Athener clevere Ingenieure der Demokratie. Männer wie Solon, Kleisthenes und Perikles haben sie bewusst entworfen und Schritt für Schritt weiter entwickelt. Die „ökologische Nische" beispielsweise die Silberminen von Laurion, der Handel oder die Schiffsflotte wird dabei wenn überhaupt nur von kritischen Gelehrten betont.
Nun eine zweite Frage: Waren die frühen egalitären Jäger und Sammler Besetzer einer Nische, die Egalität ermöglichte oder clevere Techniker und Ingenieure des Sozialen? Lege jetzt wieder die Schrift zur Seite und mache dir deine eigenen Gedanken.
Die Landläufige Meinung lautet durchweg: Sie waren Besetzer einer Nische. Kleine Gruppen, ständiges Umherziehen und das Fehlen von Vorratshaltung bedingten das Nichtvorhandensein von Hierarchien. Diese Lebensweise erzwang die Gleichheit. Sobald Sesshaftigkeit und Ackerbau eintraten, war es mit der Gleichheit vorbei, denn Vorräte konnten gehalten werden. Die Menschheit entwickelte sich analog zur materiellen Entwicklung, die eine teleologische Aufstiegsgeschichte vom Holz zu Bronze zu Gold zu Algorythmen erzählt. Sie werden selten als bewusste Sozialingenieure gesehen.
Lassen wir den offensichtlichen Rassismus aus diesen Erzählungen. Er bildet den Hauptteil und ist ein Überrest des europäischen Kolonialzeitalters. Versuchen wir weitere Ursachen für diese ungerechte Erzählung der Geschichte zu finden.
Athen hatte Schrift, Inschriften, Theater, Gerichtsreden. Jeder Steinschlag wurde dokumentiert. Die Reform von Kleisthenes ist auf wenige Jahre datierbar. Dagegen können wir vermuten, dass die Etablierung der egalitären Lebensweise der Jäger und Sammler vermutlich Jahrtausende zurückliegt. Erschwerend kommt dazu die rein mündliche Überlieferungsweise. Es ist plausibel, dass das der Grund dafür ist, dass der Jäger oder die Sammlerin nicht als Erfinder des antimeritokratischen Spotts bekannt ist. Wenn etwa ein /gaugo in der Kalahari, irgendwann in den letzten zehntausend Jahren, vor einem Lagerfeuer eine besonders treffende Form gefunden hatte, einen aufstrebenden Jäger zu verspotten, dann trug dreißig Jahre später vielleicht ein anderer /gaugo dieselbe Form weiter. Im Namenssystem der !Kung galten beide als verwandt. Wer denselben Namen trägt, ist Teil derselben Linie, mit Pflichten und Rechten. Eine Erfindung wurde vielleicht sofort der Allgemeinheit zugeschrieben oder blieb nicht einmal faktisch beim Erfinder und wanderte durch alle Tausende oder Millionen Nachfolger, die den Namen des Erfinders trugen, und löste sich in ihnen auf.
Eine solche Überlieferungsasymmetrie könnte ein gewichtiger Grund sein, weshalb wir die !Kung als Primitive und die Athener als Ingenieure wahrnehmen. Was wir wiederum als Nische wahrnehmen ist die Geschichte von Akteuren, die wir nicht mehr kennen. Sobald Namen und Daten fehlen, schiebt die Erzählung die Kausalität automatisch auf die Natur. Bei Athen wäre die gleiche Reduktion absurd: niemand würde sagen, die Demokratie sei aus den Silberminen entstanden, obwohl die ökonomischen Bedingungen eine Rolle gespielt haben können. Dieser Mechanismus ist der Beweis, dass die San Menschen waren und Menschen ein Teil der Natur sind und trägt dazu bei, die menschliche Erzählung von Kultur und die von Natur zu verschmelzen.
Hinter der Erzählung der Nische liegen allerdings auch gewagte Annahmen, die sich möglicherweise überprüfen lassen. Eine landläufige Annahme lautet, dass die San egalitär waren, weil sie außerstande waren zu akkumulieren.
Diese Annahme erlaubt es, die Egalität der !Kung San zu erklären, ohne ihnen eine Leistung zuzuschreiben. Wer nicht akkumulieren kann, muss teilen. Wer im Überfluss lebt, sammelt; wer in der Knappheit lebt, verteilt. Die !Kung San wären demnach gleich gewesen, weil ihre Welt es ihnen nicht anders erlaubte. Die Annahme hat einen Vorteil. Sie ist falsifizierbar. Man kann nachprüfen, ob die !Kung San tatsächlich nichts hatten, was sich akkumulieren ließ.
Die Mongongo, im südlichen Afrika auch Manketti genannt, ist eine eiweißreiche Frucht, deren Kerne über Monate lagerfähig sind. Die Bäume stehen in dichten Hainen, die jedes Jahr Tonnen an Nüssen abwerfen. Wenn die Bäume viele Mongongo trugen, war das oft mehr, als die !Kung San konsumieren konnten. Die Nüsse sind nahrhafter als die meisten kultivierten Getreide. Ein !Kung-Mann erklärte Lee einmal, warum sein Volk nicht zur Landwirtschaft übergegangen sei, obwohl die Nachbarvölker es längst getan hatten. Die Antwort steht am Beginn des Buches von Richard Borchay Lee. Er sagte: "Why should we plant, when there are so many Mongongos in the world."
Der !Kung San drückte damit vermutlich aus, dass er nicht in der Knappheit, sondern im Überfluss zu leben glaubte. Die Mongongo war eine pflanzliche Ressource, die lagerfähig war, im Überschuss vorlag und nahrhaft genug, um eine erhebliche Bevölkerung zu tragen. Sie hätten Vorratsspeicher anlegen können. Wer das getan hätte, wäre allerdings vermutlich ausgelacht worden, gleichwohl der Einsatz gewaltsamerer Mittel gegen den Mongongo-Kapitalisten in der Welt der traditionellen !Kung San nicht undenkbar scheint.
Möglicherweise gibt es aber einen Aspekt an der Mongongo Nuss, der sie von Getreide, Gold oder Räucherfisch unterscheidet. Wir werden später auf diesen Gedanken zurück kommen.
Wenn wir annehmen, dass die !Kung San Menschen waren, müssen wir uns die Frage stellen, ob die Fähigkeit zur Akkumulation eine universelle Option aller Menschen ist. Diese Frage ist bei genauer Betrachtung weniger klar verneinbar als man denken könnte. Jeder Mensch besitzt die Möglichkeit, Fettpolster anzulegen. Ist Bauchfett Vorratshaltung am eigenen Leib? Falls ja, muss es Kulturen gegeben haben, deren Eliten ihr eigenes Fett zur Dominanz eingesetzt haben. Dafür gibt es tatsächlich vielversprechende Hinweise. Bauchfett ist der älteste und mobilste Speicher, den der Mensch besitzt. Viele Völker haben diesen biologischen Speicher kulturell zum Zeichen von Macht und Wohlstand erklärt. Die Efik im Süden des heutigen Nigeria führten ihre Töchter vor der Heirat in sogenannte Mastkammern, in denen die jungen Frauen über Monate, mitunter Jahre, gefüttert wurden. Die Dauer hing vom Vermögen des Vaters ab. Eine fette Tochter war ein Beweis dafür, dass die Familie ihr Essen abgeben konnte. Auf den polynesischen Inseln galt körperliche Fülle bis ins zwanzigste Jahrhundert als Ausweis von Rang. Tongas Könige waren erkennbar an ihrem Umfang. Wer reagierte war auf Tongaisch lahi, was historisch sowohl groß, als auch dick bedeutete. War das ein Ausweis von Elitenzugehörigkeit und Macht, also ein Statussymbol oder bereits eine eigentliche Akkumulation?
Die !Kung San wissen, was es heißt, dick zu werden. Als sie das erste Mal den Jeep des Anthropologen Richard Borchay Lee sahen, sagte ein San, dass dieser von nun an für sie arbeiten würde und sie selbst fett werden würden. Es ist anzunehmen, dass die Möglichkeit den !Kung San grundsätzlich auch ohne Jeep offen stand, fett zu werden. Wer in einem Mongongo-Hain lebt und je nach Ernte mehr Nahrung zur Verfügung hat, als er verbrauchen kann, hätte sowohl die Nüsse horten, als auch Bauchfett als den Überschuss der Mongongo am eigenen Körper deponieren können. Ich kann hier nur Mutmaßungen, aber der Witz über Bauchfett – und Gesellschaften, die nicht am Burnout arbeiten, scheinen in der Regel mehr Humor zu haben als andere – scheint einer sehr universellen Grammatik zu folgen. Im Westen ließe sich der Witz vielleicht von einer Nonne erzählen, während der Akteur des Witzes natürlich ein überrumpelter junger Bischoff wäre. Er funktioniert durch das trockene Aufsagen von etwas, das im Rahmen der Gemeinschaft aus kulturellen Gründen überhaupt keine Option und völlig undenkbar wäre. Die !Kung San nennen das scherzhafte Beschweren horehore. Es kann eine wichtige Funktion erfüllen. Eine Norm, die man nie ausspricht, wird mit der Zeit zur Tyrannei – sie regiert, ohne sich zu zeigen. Der Witz holt sie ans Licht, ohne sie umzustürzen. Das ist ein wichtiger Dienst, den die Gruppe sich selbst erweist: sich der eigenen Regeln bewusst zu bleiben. Mit anderen Worten: Unser Mangel an Zeit für Witze, von denen es im Buch von Richard Borchay Lee förmlich wimmelt, immer, wenn er von seinen Interaktionen mit den San berichtet, könnte ein Grund sein, warum wir reagiert werden.
An dieser Stelle ist ein Ortswechsel lohnenswert, weil er zeigt, was geschieht, wenn ein anderes Volk eine eine andere Entscheidung trifft. Die indigenen Völker des pazifischen Nordwestens, die Tlingit, die Haida, die Kwakwaka'wakw, die Coast Salish, lebten von einer einzigen Ressource, die ihre Welt mit der der !Kung San verband und zugleich von ihr trennte. Sie lebten vom Lachs. Der Lachs zog jedes Jahr in die Flüsse, in solchen Mengen, dass eine Familie an wenigen Wochen den Bedarf eines Jahres fangen konnte. Die Völker des Nordwestens entwickelten Reusen, Wehre, Räucherhütten. Sie trockneten den Lachs, sie räucherten ihn, sie lagerten ihn. Sie akkumulierten.
Die Folge dieser Entscheidung ist gut dokumentiert. Die Lachsvölker bildeten erbliche Häuptlinge aus, sie kannten Rangordnungen, sie hielten Sklaven, sie führten Krieg um Fischgründe. Der Potlatch, das berühmte Fest der Verschwendung, war kein Beleg für Egalität, sondern für ein hochstratifiziertes System, in dem Häuptlinge ihre Position durch öffentliche Verteilung von Reichtum bestätigen mussten. Die Verteilung selbst war ein Akt der Macht. Wer mehr verschenkte, stand höher. Akkumulation und Hierarchie traten gemeinsam auf, in einer Welt, die sich von der der !Kung San nur in einer einzigen Hinsicht entscheidend unterschied. Die Ressource ließ sich speichern, und sie wurde gespeichert.
Bleibt die Frage, die dieses Kapitel beschließt. Worin lag der Unterschied zwischen der Mongongo-Nuss und dem Lachs? Beide sind nahrhaft. Beide kommen in Mengen vor, die den Tagesbedarf weit übersteigen. Beide sind über Monate haltbar, der Lachs durch Trocknung, die Mongongo durch ihre harte Schale. Beide hätten akkumuliert werden können. Der Lachs wurde es. Die Mongongo wurde es nicht. Der Unterschied liegt nicht in der Ressource. Er liegt in der Kultur, die sich um sie gebildet hat.
Der Unterschied liegt zunächst, so scheint es, im Lagerproblem. Die Mongongo-Nuss konserviert sich selbst. Ihre Schale ist hart genug, um den Kern über Monate vor Insekten und Feuchtigkeit zu schützen. Lee fand sie an allen Wasserlöchern der Dobe-Region zu jeder Jahreszeit. Die Nuss liegt am Boden des Hains und wartet. Der Mensch muss nichts tun. Der Lachs hingegen verdirbt innerhalb weniger Tage. Wer im Sommer fängt und im Winter essen will, muss räuchern, trocknen, einsalzen. Die Wahl ist klar gestellt. Räuchern oder hungern. Damit beginnt eine Form von Arbeit, die bei der Mongongo nicht anfällt. Wer räuchert, schafft Vorrat. Wer Vorrat hat, hat etwas, das gezählt werden kann.
Hinzu kommt die Geographie. Mongongo-Bäume stehen über Hunderte von Quadratkilometern verteilt. Ein einzelner Hain unterscheidet sich nicht wesentlich vom nächsten. Niemand kann sie monopolisieren. Lachs hingegen läuft nicht überall den Fluss hoch. Er konzentriert sich an Stromschnellen, an Wasserfällen, an engen Stellen, an Mündungen. An solchen Orten kann eine Handvoll Menschen mit Reusen oder Wehren einen Großteil des Runs abfangen. Celilo Falls am Columbia-Fluss war ein solcher Ort. Die Fischwehre der Kwakwaka'wakw an den Mündungen waren es. Diese Plätze waren in den ethnographischen Aufzeichnungen Eigentum, vererbt über Generationen, kontrolliert von Klans und Häuptlingsfamilien. Wer den Platz besaß, kontrollierte den Zugang. Wer keinen Platz besaß, musste Tribut leisten oder als Klient arbeiten.
Damit scheint das Bild geschlossen. Speicherbarkeit und Engpass treten zusammen auf, und Hierarchie folgt. Brian Hayden und Kenneth Ames haben diese Konstellation beschrieben. Lagerbarer Überschuss in Verbindung mit einem verteidigbaren Engpass öffnet die Tür für ehrgeizige Einzelne, die Schulden, Klientelnetzwerke und schließlich erbliche Ungleichheit aufbauen können. Lachs erfüllt beide Bedingungen. Mongongo erfüllt keine. Die Erklärung wirkt zwingend.
Sie ist es nicht. Es gibt einen Fall, der genau diese Konstellation prüft, weil er die eine Bedingung wegnimmt und die andere bestehen lässt. Es sind die Eichelvölker Kaliforniens. Auf diesen Kontrast haben auch David Graeber und David Wengrow in ihrer großen anthropologischen Studie The Dawn of Everything hingewiesen.
Eicheln verhalten sich ökologisch fast wie Mongongo-Nüsse. Sie wachsen über riesige Flächen verteilt. Es gibt keinen Wasserfall, an dem man sie abfangen könnte. Ihre Schale konserviert den Kern. Sie fallen im Herbst, lagern aber bei richtiger Behandlung ein Jahr und länger. Eine Familie kann zu einem Hain gehen und sammeln, eine andere Familie zu einem anderen Hain. Niemand kontrolliert den Zugang. Etwa drei Viertel der indigenen Bevölkerung Kaliforniens lebten primär von dieser Frucht. Die Pomo, die Miwok, die Yokuts, die Maidu, die Chumash. Archäologische Befunde belegen diese Ernährungsweise über mindestens neuntausend Jahre. Und sie horteten.
Sie horteten in großem Stil. Die Pomo bauten geflochtene Speicher aus Weidenruten, ausgekleidet mit Tanoak-Blättern und Redwood-Zweigen, bis zu drei Meter hoch, sichtbar im Dorf, zählbar. Ein gefüllter Speicher reichte mindestens für ein Jahr, in günstigen Fällen länger. Bei den Patwin am Sacramento River gehörten einzelne Saatgrundstücke und einzelne Fischplätze namentlich genannten Familien. Es gab also nicht nur Akkumulation im Speicher, sondern Eigentum an produktiven Stellen, ohne dass eine Geographie wie die der Lachsflüsse das hätte erzwingen müssen. Die Patwin-Häuptlinge waren erblich, ihr Amt ging vom Vater auf den Sohn, sofern dieser tauglich war, und ihre Macht wird in den ethnographischen Quellen als nahezu absolut beschrieben.
Der Fall der Chumash an der südkalifornischen Küste geht noch weiter. In der späten Periode, zwischen 1300 und 1782, lebten in einzelnen Dörfern bis zu tausend Menschen. Die Häuptlinge, wot genannt, waren erbdynastisch. Die Gesellschaft kannte ein dreistufiges Klassensystem, eine Oberschicht, eine mittlere, eine untere. Sie verfügte über ein eigenes Geld aus Olivella-Schnecken, hergestellt in spezialisierten Werkstätten auf den nördlichen Channel Islands, vor allem auf Santa Cruz. Bestattungsbefunde zeigen das Ausmaß der Differenzierung. Neun Prozent der Bestatteten besaßen neunundsechzig Prozent aller Perlen-Grabbeigaben. Archäologen haben diese Gesellschaft mit dem bronzezeitlichen Skandinavien verglichen. Die Chumash hielten zudem ein technisches Monopol, das in seiner sozialen Wirkung dem Lachs-Engpass nahekam. Das Plankenkanu, das tomol, war teuer, aufwendig zu bauen und blieb in der Hand verwandtschaftlich organisierter Gilden, die zur erblichen Elite gehörten. Wer den Inselhandel kontrollierte, kontrollierte den Zugang zum Muschelgeld.
Damit fällt die ökologisch-geographische Erklärung auf eine schwächere Form zurück. Die Geographie schließt nichts aus. Sie öffnet nur Türen unterschiedlicher Weite. Eine Ressource ohne Wasserfall kann gehortet werden, sobald die Kultur das Horten erlaubt. Aus dem Horten entstehen Speicher, aus Speichern entstehen Differenzen, aus Differenzen entstehen Privatansprüche, und am Ende kann ein technisches Monopol wie das Plankenkanu eine Konzentration tragen, die der eines Fischwehrs ähnelt, ohne dass jemals ein Fluss eingeschränkt wurde. Wer im Frühjahr noch Eicheln im Speicher hat, hat etwas zu vergeben, wenn die Vorräte der Nachbarn aufgebraucht sind.
Was bleibt, ist eine Stufung, die schmaler ist als gedacht. Die Mongongo-Welt der !Kung San ist die eine Endform. Kein Speicherzwang, kulturelle Verweigerung des Hortens, ausgeprägte Egalität. Die Lachs-Welt der Kwakwaka'wakw ist die andere. Speicherzwang und monopolisierbarer Engpass treffen aufeinander, das Ergebnis sind Häuptlingstümer mit Sklaverei, Rangordnungen, Potlatch. Dazwischen liegt die Eichel-Welt Kaliforniens. Die Ressource verlangt nichts, die Geographie verhindert nichts, und die Kultur entscheidet zwischen Horten und Nicht-Horten in einem offenen Feld. Sie hat sich, vielfach, für das Horten entschieden, und das Ergebnis reicht von moderaten Eigentumsformen bei den Patwin bis zu den voll ausgebildeten Häuptlingstümern der Chumash.
Ein weiterer möglicher Beleg zeigt sich in Australien, in den Bergen Südost-Queenslands. Die Bunya-Pinie produziert alle drei Jahre eine Massenernte nahrhafter Zapfen. In den Mast-Jahren versammelten sich Aborigine-Gruppen aus weiter Umgebung zu wochen- oder monatelangen Festen, die größtenteils aus dem Verzehr der Ernte vor Ort bestanden. Hortung gab es, einschließlich der Mitnahme von Saatgut und der Lagerung in den Camps, aber sie hatte einen anderen Charakter als die kalifornische. Sie war eingebettet in eine Versammlungsökonomie, die zeitlich begrenzt war, in der die Kalorien innerhalb des Festes zirkulierten und mit ihrem Ende auch die akkumulierten Vorräte verschwanden. Eine Mast-Jahr-Ressource, die nur alle drei Jahre kommt, lässt sich schlecht in dauerhafte Speicher übersetzen. Hier wirkt die Zeitstruktur der Ressource, nicht ihre räumliche Verteilung.
Eine letzte Erhebung führt uns auf die indonesische Insel Borneo. Auf Borneo bauen die Iban und die Kayan im Wesentlichen denselben Reis an, im selben Verfahren der Brandrodung, in vergleichbarer Umgebung. Die Iban kennen kein Erbprinzip. Ihre Langhaus-Vorsteher werden nach Verdienst anerkannt, ihre Autorität ist durch das adat begrenzt, Status wird über Reisen, Vermögen und früher die Kopfjagd erworben, aber nicht in einer Klasse stabilisiert. Die Kayan dagegen kennen drei erbliche Schichten, eine Aristokratie, eine Schicht von Gemeinen und eine unterste Schicht aus Kriegsgefangenen, die als Sklaven dienten. Der Reichtum dieser Aristokratie hatte seinen Ursprung nicht in der Landwirtschaft, denn die Kayan schufen ihn mit Luxusgütern wie Edelhölzern, die in den Fernhandel mit chinesischen und malaiischen Händlern gingen. Vermutlich bestand der Überschuss auch aus der Arbeit von Sklaven, die in militärischen Überfällen erbeutet wurden. Akkumuliert – im strengeren Sinne – wurden weitere Luxusgüter wie Gongs, Perlen, Matten – und eben Menschen.
Gab es dann eine Unterscheidung zwischen Eichel und Manketti? Bei genauerer Betrachtung könnte hier der Schlüssel liegen. Die Eichel liefert mehr Kohlehydrate. Die Manketti-Nuss der San lediglich Proteine, Fett und weniger schnell verfügbare Energie. Die Eichel muss dezidiert verarbeitet werden. Sie enthält Gerbstoffe. Die Manketti kann dagegen sofort gegessen werden. Liegt in dieser Untersuchung der möglichen Akkumulationsobjekte der Grund dafür, dass Menschen Eliten bilden? Niemand kann leugnen, dass die beiden Nüsse bezüglich ihres Nährwertgehalts im Kern verschieden sind. Ich habe deshalb beide Nüsse genauer miteinander verglichen. Bei weitem ist die Manketti Nuss für den Menschen wertvoller. Sie liefert fast das doppelte der Energie der von Gerbstoffen befreiten Eichel, vier mal so viel Protein, außerdem essentielle Fettsäuren und Eisen.
Selbst wenn die Unterscheidung zwischen Mongongo und Eichel, zwischen Lachs, Sklaven oder Bauchfett eine tiefere deterministische Wahrheit hervorgebracht hätte, zeigt sie auch unsere Obsession der Naturalisierung von Unterordnung, denn ich habe tatsächlich voller Erwartungen geforscht, und eine böse Wahrheit befürchtet.
Wir wissen heute sehr genau, dass die !Kung San einen giftigen Käfer fanden, dessen Gift seiner Larven die Betäubung ihrer Beute ermöglichte. Wir kennen die Selbsterkärung ihres Volkes zur Friedfertigkeit, die davon spricht, dass andere Völker "Raubtiere" und sie selbst nicht kriegerisch seien. Wir wissen, dass sie vom Kolonialismus verdrängt wurden und der Rechtsstaat Botswanas ihre Jagd sanktionierte, was ihre traditionelle Lebensweise zerstörte. Wir wissen, dass sie ihre Kinder ohne Gewalt großzogen, sie aber schlugen, wenn sie einen Jäger, der mit dem tödlichen Gift der Käfer Pfeile bestrich, zum Spaß erschreckten oder ablenkten. Wir kennen ihre Geschichtsschreibung, die zwischen einer mythischen Zeit, einer konstanten alten Zeit und der turbulenten neuen Zeit des Kapitalismus unterscheidet. Und wir können inzwischen mit Zuversicht davon ausgehen, dass sie nicht weniger als die großen Technologen der alten Zeit waren.
Spätere Einwände gegen Lees Schilderung – die sogenannte Kalahari-Debatte – haben die Grundzüge seiner Studien meiner Ansicht nach nicht verschieben können. Eine Meinung, die Jahre nach der Polarisierung wieder mehrheitsfähig wird.